Writing Code and Other Prose

A blog about software development, electronics, and writing.

Begleitmusik

Wenn ich meinen Mitmenschen offenbare, dass ich während eines Großteils meiner Arbeitszeit recht unkonventionelle Rockmusik (Death Metal, Thrash Metal, New York Hardcore Punk etc.) über Kopfhörer höre, begegnen sie mir häufig mit Unverständnis. Die Argumentation reicht von “Lenkt das nicht total ab?” über “Dabei könnte ich mich nicht konzentrieren” bis hin zu “Das finde ich den Kollegen gegenüber sehr unhöflich!”.

Sämtliche dieser Einwände sind berechtigt, aber vieles relativiert sich, wenn man die typische Geräuschkulisse eines Büros betrachtet: Murmelnde Stimmen auf dem Gang, klingelnde Telefone, lautstark diskutierende und telefonierende Kollegen. Alle diese Geräusche lenken ab, weil sie so unvorhersehbar sind. Da wir evolutionär bedingt ständig auf der Flucht sind, nimmt unser Gehirn jedes unerwartete Geräusch sehr deutlich wahr. Vertraute Musik aus dem Kopfhörer hingegen kann es wegfiltern und genau genommen lenkt die Musik mich also tatsächlich ab: Weg von Allerweltsgeräuschen, hin zu meiner Arbeit. Dabei ist es enorm wichtig, vertraute Musik zu hören. Ein aktuelles Radioprogramm o. ä. dürfte sich nur bedingt zur “konstruktiven Ablenkung” eignen.

Der Umstand, dass ich meinen Lebensunterhalt mit der Entwicklung von Software verdiene, ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass ein Programmierer etwa zwanzig Minuten benötigt, um ein mentales Modell des zu lösenden Problems aufzubauen. Erst wenn dieser Vorgang abgeschlossen ist, kann er produktiv arbeiten. Jegliche Störung führt dazu, dass der Vorgang komplett wiederholt werden muss! Mal abgesehen davon, dass dies für den einzelnen sehr anstrengend und frustrierend ist, ist es für das Unternehmen natürlich wenig ökonomisch.

Selbstverständlich gibt es wichtige Anrufe und daher ist es notwendig, trotz Begleitmusik telefonisch erreichbar zu sein. Hier kann moderne Technik hilfreich eingesetzt werden, indem man Gebrauch von einem Anrufbeantworter macht oder Anrufe direkt auf dem Arbeitsplatzrechner signalisiert werden. Weil die meisten Telefonie-Anwendungen heute sehr komfortabel ausgestattet sind, bietet eine solche Installation oft noch weitere Vorteile, wie z. B. eine nahtlose Integration mit dem Adressbuch der E-Mail-Anwendung. Auch ist es möglich, bestimmte Anrufe grundsätzlich anzunehmen, so dass Kundenanfragen immer sofort beantwortet werden.

Die Technik hilft ferner bei der Lösung eines weiteren Problems: Viele Kopfhörer sind “undicht”, d. h., benachbarte Kollegen können die Musik aus dem Kopfhörer als störendes Scheppern wahrnehmen. Abhilfe schaffen gut angepasste Ohrhörer und mittlerweile gibt es sogar erschwingliche Geräte, die externe Störgeräusche elektronisch kompensieren, so dass bereits bei geringer Lautstärke nur noch die Musik wahrzunehmen ist. Das vermeidet akustische Emissionen und schont das Gehör.

Es müssen schon viele Umstände zusammenkommen, damit es Sinn macht, sich den ganzen Tag berieseln zu lassen. Wer beispielsweise viel mit Kunden telefonieren muss, braucht sich über gute Ohrhörer keine Gedanken zu machen. Ich habe gelernt, dass Begleitmusik mich deutlich zufriedener und produktiver macht, aber wie alles im Leben muss man sie in Maßen genießen.

Dieser Beitrag wurde begleitet von einer Death Metal-Band namens Bloodbath.

Comment by Mango42 on 2004-10-05 09:09:25:

Servus!

So, so, es geht also los hier, schön, schön. Zum Thema: Ich gehöre zu den bemitleidenswerten Geschöpfen, die noch die Prä-Kopfhörer-Ära des Autoren ertragen durften. Man glaubt kaum, welchen monotonen Geräuschteppich Deathmetal hinterlässt, wenn er durch die typischen PC-Brülwürfel und eine offene Durchgangstür gefiltert wird. Lediglich die gellend hohen Schreie in den ganz peinlichen Refrains dringen in’s amüsierte Bewusstsein.

So sind also Kopfhörer nur der halbe Spaß: Es gibt tatsächlich Kollegen, die Spaß daran haben, mit den neuesten diabolischen Heavy-Chart-Breakern zugeballert zu werden. Diese Mischung aus Kaffeeduft, leisem Tastatur-Gehacke und dem gurgelndem Geröchel eines Frontmanns ist einmalig.

In diesem Sinne: Kopfhörer sind gut und schön, trotzdem schade, dass wir jetzt ein Großraumbüro haben …

Comment by news on 2004-10-05 09:50:27:

Jo, ich sehe ihn vor mir:

Früh morgens. Einsame dunkle Gänge. Die Büros noch leer. Doch am Ende: Ein Licht! Beim Näherkommen erhebt sich der Beat von einem flüsternen rhytmischen Säuseln zu einem stampfenden Hämmern aus den Lautsprechern! Metal liegt in der Luft! Eine schwarze Gestalt mit kurzen Haaren sitzt versunken vor dem Bildschirm. Entspannt. Finger fliegen flink über die Tastatur! Konzentriert. Statements weben den gewünschten Code. Hypnotisch. Standardisierte Dienste zerstreuen sich auf weissem Papier über seinen Schreibtisch. Ein letztes mal die Enter-Taste. Zurücklehnen! - Irgendwo auf Deutschlands Strassen erwacht eine kleine graue Box, genannt Verdi Obu, zum kurzen aber intensiven Leben.


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